Kritik an Friedrich Engels – warum ein Klassiker kein Heiliger sein darf

Wer Friedrich Engels ernst nimmt, muss ihm widersprechen können. Das klingt selbstverständlich, ist bei politischen Klassikern aber keineswegs immer so. Über Jahrzehnte wurden Marx und Engels in Teilen der sozialistischen Bewegung nicht nur gelesen, sondern als Autoritäten behandelt. Aus historischen Texten entstanden Lehrsätze, aus politischen Einschätzungen scheinbar allgemeingültige Wahrheiten und aus wissenschaftlichen Überlegungen teilweise eine geschlossene Weltanschauung.
Eine moderne Linke sollte genau das vermeiden. Engels war ein außergewöhnlich produktiver Autor, politischer Organisator und Beobachter des Kapitalismus. Er war zugleich ein Mensch des 19. Jahrhunderts, arbeitete mit begrenztem Wissen, traf falsche Prognosen und verwendete in privaten Briefen teilweise eine Sprache, die heute mit guten Gründen als rassistisch, antisemitisch oder herabwürdigend kritisiert wird. Engels kritisch zu lesen bedeutet deshalb weder, ihn abzuschreiben, noch jeden problematischen Satz zu verteidigen. Es bedeutet, zwischen tragfähiger Analyse, historischem Irrtum und politischem Problem zu unterscheiden.
Kurzfakten zum Thema
- Engels war ein historischer Autor und kein politischer Prophet.
- Teile seiner naturwissenschaftlichen und anthropologischen Vorstellungen sind heute überholt.
- Seine politischen Prognosen erfüllten sich mehrfach nicht.
- Manche nationalpolitischen Einschätzungen waren stark von den Konflikten seiner Zeit geprägt.
- In privaten Briefen finden sich problematische und teilweise rassistisch oder antisemitisch konnotierte Formulierungen.
- Solche Äußerungen sollten weder verschwiegen noch ohne Kontext zu seiner gesamten Theorie erklärt werden.
- Engels’ Frauenanalyse war ein wichtiger Schritt, reicht für modernen Feminismus aber nicht aus.
- Seine Vorstellungen von Revolution und gesellschaftlicher Entwicklung dürfen nicht als zeitlose Strategie gelesen werden.
- Der spätere dogmatische Marxismus kann nicht einfach Engels zugerechnet werden, wurde aber teilweise durch seine Systematisierungen erleichtert.
- Kritische Lektüre macht politische Tradition stärker als Verehrung.
Engels war kein Prophet
Eine der größten Versuchungen bei politischen Klassikern besteht darin, richtige Beobachtungen nachträglich als Beweis fast prophetischer Fähigkeiten zu behandeln. Engels erkannte früh wichtige Entwicklungen des Kapitalismus: internationale Märkte, industrielle Konzentration, soziale Konflikte und die politische Bedeutung organisierter Arbeiter. Manche seiner Analysen wirken deshalb erstaunlich aktuell.
Andere Erwartungen erfüllten sich dagegen nicht. Engels und Marx überschätzten zeitweise die Geschwindigkeit revolutionärer Entwicklungen und unterschätzten, wie stark sich kapitalistische Gesellschaften institutionell verändern konnten. Sozialstaat, Tarifverträge, demokratische Massenparteien und wachsende Mittelschichten veränderten Klassenverhältnisse erheblich, ohne den Kapitalismus aufzuheben.
Gerade daraus lässt sich etwas lernen. Eine materialistische Theorie sollte keine Garantie über den Verlauf der Geschichte geben. Gesellschaftliche Entwicklungen hängen von wirtschaftlichen Bedingungen, politischen Institutionen, Organisation und menschlichen Entscheidungen ab. Geschichte besitzt keine automatische sozialistische Zielgerade.
Seine Wissenschaft war Wissenschaft des 19. Jahrhunderts
Engels interessierte sich ungewöhnlich breit für Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das macht insbesondere seine Arbeiten zur Natur und Dialektik interessant. Es macht sie aber nicht zu moderner Naturwissenschaft.
Relativitätstheorie, moderne Genetik, Quantenphysik und große Teile heutiger Ökologie entstanden erst nach seinem Tod. Einzelne naturwissenschaftliche Annahmen in seinen Manuskripten sind deshalb veraltet. Es wäre ein grundlegender Fehler, Engels gegen den heutigen Forschungsstand verteidigen zu wollen, nur weil seine Texte politische Bedeutung besitzen.
Besonders problematisch wird es dort, wo allgemeine dialektische Schemata als naturwissenschaftliche Gesetze behandelt werden. Wissenschaft benötigt empirische Prüfung und die Möglichkeit, Aussagen zu widerlegen. Dialektik kann eine philosophische Aufmerksamkeit für Veränderung, Widersprüche und Wechselwirkungen fördern. Sie kann wissenschaftliche Forschung aber nicht ersetzen.
Die „Dialektik der Natur“ darf nicht zum Naturgesetzbuch werden
Engels’ „Dialektik der Natur“ war kein von ihm fertiggestelltes Lehrbuch. Es handelt sich um Manuskripte, Fragmente und Notizen, die erst lange nach seinem Tod umfassend veröffentlicht wurden. Trotzdem wurde das Werk später teilweise so gelesen, als habe Engels eine allgemeine wissenschaftliche Methode für Natur und Gesellschaft abgeschlossen.
Gerade im staatssozialistischen Marxismus entstanden daraus teilweise starre Vorstellungen eines „dialektischen Materialismus“. Wissenschaftliche Ergebnisse wurden mitunter danach bewertet, ob sie in ein philosophisches Schema passten. Diese Entwicklung kann nicht einfach Engels persönlich zugeschrieben werden. Seine Versuche, Naturprozesse unter sehr allgemeine dialektische Kategorien zu ordnen, boten dafür aber Anknüpfungspunkte.
Eine heutige Linke sollte daraus die gegenteilige Konsequenz ziehen: Politik darf Wissenschaft nicht vorschreiben, welche Ergebnisse zulässig sind. Wer Materialismus ernst nimmt, muss bereit sein, die eigene Theorie an der Wirklichkeit zu korrigieren.
Auch Engels’ Anthropologie ist überholt
Besonders deutlich zeigt sich das im „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. Engels griff dort stark auf die anthropologischen Arbeiten Lewis Henry Morgans zurück und versuchte, unterschiedliche Familien- und Gesellschaftsformen in eine historische Entwicklungsfolge einzuordnen.
Diese Modelle waren für die damalige Forschung wichtig, gelten heute aber in wesentlichen Teilen als zu schematisch. Gesellschaften entwickeln sich nicht überall durch dieselben klar voneinander getrennten Stufen. Familienformen, Eigentum und staatliche Organisation entstanden historisch wesentlich vielfältiger, als es solche Modelle vermuten lassen.
Engels’ dauerhafter Beitrag liegt daher weniger in der konkreten Entwicklungsgeschichte als in einer anderen Idee: Familie und Geschlechterordnung sind nicht naturgegeben und unveränderlich. Diese historische Perspektive bleibt wichtig, auch wenn viele seiner konkreten Erklärungen korrigiert werden müssen.
Engels war kein Feminist des 21. Jahrhunderts
Seine Analyse der gesellschaftlichen Stellung von Frauen war für seine Zeit bemerkenswert. Engels verband Frauenunterdrückung mit Eigentum, wirtschaftlicher Abhängigkeit und Familienstrukturen. Damit stellte er Geschlechterverhältnisse ausdrücklich als veränderbare gesellschaftliche Verhältnisse dar.
Doch seine Theorie reicht für moderne feministische Analyse nicht aus. Unbezahlte Care-Arbeit, sexuelle Selbstbestimmung, geschlechtliche Vielfalt, institutioneller Sexismus und die Eigenständigkeit kultureller Machtverhältnisse wurden von späteren feministischen Theorien wesentlich differenzierter untersucht. Mehr dazu steht unter Frauen und Emanzipation heute.
Es wäre deshalb falsch, Engels rückwirkend zum Vertreter heutiger feministischer Positionen zu erklären. Produktiver ist die Feststellung, dass er eine wichtige materielle Frage gestellt hat und spätere Bewegungen darüber hinausgehen mussten.
Problematische Sprache in privaten Briefen
Eine kritische Engels-Lektüre darf auch seine private Sprache nicht ausblenden. In der umfangreichen Korrespondenz von Marx und Engels finden sich polemische Bezeichnungen, ethnische Zuschreibungen und Formulierungen, die heute mit guten Gründen als rassistisch, antisemitisch oder anderweitig menschenverachtend gelesen werden können. Manche Äußerungen waren als private Beschimpfung oder Spott gemeint, was ihren Charakter erklärt, aber nicht unproblematisch macht.
Dabei sind zwei Verkürzungen zu vermeiden. Es wäre falsch, solche Aussagen zu verstecken oder mit dem Hinweis abzutun, damals hätten eben alle so gesprochen. Ebenso ungenau wäre es, einzelne private Beleidigungen ohne weitere Untersuchung zum vollständigen theoretischen Kern von Engels’ politischem Denken zu erklären.
Private Briefe sind wichtige historische Quellen, aber sie besitzen einen anderen Charakter als veröffentlichte theoretische Werke. Eine seriöse Einordnung fragt deshalb: In welchem Zusammenhang fiel eine Formulierung? Ist sie Teil eines systematischen politischen Arguments? Wiederholt sie sich? Und wie verhält sie sich zu anderen Aussagen des Autors? Mehr zur Bedeutung der Korrespondenz steht unter Die Briefe von Marx und Engels.
Nationalitäten und Völker: Engels war nicht frei von problematischen Urteilen
Engels schrieb während der Revolutionen von 1848/49 und in späteren politischen Analysen über nationale Bewegungen in Europa. Dabei urteilte er teilweise hart und pauschal über einzelne Völker und nationale Gruppen. Manche dieser Texte sind stark aus strategischen Hoffnungen der damaligen revolutionären Bewegung zu verstehen: Engels bewertete nationale Bewegungen danach, ob er sie als fortschrittlich oder als Stütze reaktionärer Mächte ansah.
Aus heutiger Perspektive ist eine solche Einteilung problematisch. Ganze Bevölkerungsgruppen lassen sich nicht sinnvoll als geschichtlich fortschrittlich oder reaktionär klassifizieren. Politische Positionen müssen konkreten Akteuren, Institutionen und Bewegungen zugerechnet werden, nicht Völkern als vermeintlich einheitlichen historischen Subjekten.
Eine moderne internationalistische Linke sollte deshalb gerade hier konsequenter sein als Engels: gleiche Rechte, nationale Selbstbestimmung und Kritik an Machtpolitik dürfen nicht davon abhängen, welcher Bevölkerung eine historische Theorie gerade Fortschritt zuschreibt.
Seine Revolutionsvorstellungen waren historisch gebunden
Engels nahm selbst an bewaffneten Kämpfen der Revolution von 1848/49 teil. Gewalt war für ihn deshalb keine abstrakte theoretische Kategorie. Gleichzeitig veränderte sich seine Einschätzung politischer Strategie später deutlich. Der Ausbau moderner Armeen, veränderte Stadtstrukturen, das allgemeiner werdende Wahlrecht und die wachsenden sozialistischen Massenparteien machten ältere Vorstellungen des Barrikadenkampfs für ihn zunehmend unzureichend.
Das zeigt gerade, warum Revolutionstexte aus dem 19. Jahrhundert nicht als Handbuch heutiger Politik behandelt werden sollten. Gesellschaftliche Veränderung muss unter heutigen demokratischen und institutionellen Bedingungen gedacht werden. Mehr dazu steht unter Reform oder Revolution.
Eine moderne Linke sollte zudem aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts eine weitergehende Konsequenz ziehen: Grundlegende wirtschaftliche Veränderung darf politische Freiheit nicht abschaffen. Sozialismus, der Opposition, Pressefreiheit und freie Wahlen beseitigt, kann nicht als politische Emanzipation gelten.
Hat Engels Marx vereinfacht?
Eine wichtige wissenschaftliche Debatte betrifft die Frage, ob Engels Marx’ Denken nach dessen Tod stärker systematisierte, als Marx selbst es getan hätte. Engels musste aus unvollständigen Manuskripten die weiteren Bände des „Kapital“ herausgeben und wurde zugleich zu einem der wichtigsten Erklärer des gemeinsamen theoretischen Projekts.
Systematisierung besitzt Vorteile. Sie macht komplizierte Gedanken verständlicher und ermöglicht politische Bildung. Gleichzeitig kann sie offene Fragen in scheinbar geschlossene Lehrsätze verwandeln. Besonders spätere marxistische Traditionen behandelten Aussagen von Marx und Engels teilweise als Bestandteile eines einheitlichen Systems.
Es wäre zu einfach, daraus einen Gegensatz zwischen einem offenen Marx und einem dogmatischen Engels zu konstruieren. Marx und Engels arbeiteten jahrzehntelang eng zusammen und diskutierten ihre Vorstellungen miteinander. Trotzdem sollte Engels auch als eigenständiger Autor gelesen werden. Nicht jede Aussage von Engels ist automatisch eine Aussage von Marx – und umgekehrt.
Der Begriff „wissenschaftlicher Sozialismus“ birgt ein Problem
Engels wollte Sozialismus von bloßen Wunschbildern unterscheiden. Gesellschaftliche Veränderung sollte aus der Untersuchung realer Wirtschafts- und Klassenverhältnisse entwickelt werden. In diesem Sinn war der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit ein Fortschritt gegenüber der Vorstellung, eine gerechte Gesellschaft könne allein aus moralischer Überzeugung entworfen werden.
Problematisch wird der Begriff, wenn daraus eine angeblich wissenschaftlich bewiesene politische Zukunft entsteht. Naturwissenschaft kann bestimmte Zusammenhänge experimentell überprüfen. Gesellschaftliche Entwicklung ist dagegen offen, weil Menschen, Institutionen und politische Entscheidungen selbst Teil des Prozesses sind.
Eine heutige Linke sollte Sozialismus deshalb nicht als wissenschaftlich garantierten Endpunkt der Geschichte verstehen. Sie kann ihn als politisches Projekt begründen: mehr demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Macht, soziale Sicherheit und größere individuelle Freiheit. Ob dieses Projekt erfolgreich wird, entscheidet kein historisches Gesetz.
Die Erfahrungen des Staatssozialismus verlangen zusätzliche Kritik
Engels starb 1895 und konnte die späteren staatssozialistischen Systeme des 20. Jahrhunderts nicht kennen. Es wäre deshalb historisch unfair, ihn für deren konkrete Politik verantwortlich zu machen. Trotzdem kann eine heutige Linke seine Texte nicht so lesen, als hätten diese Erfahrungen nie stattgefunden.
Staatseigentum führte nicht automatisch zu demokratischer Wirtschaftsorganisation. Zentrale Planung konnte neue Machtkonzentrationen, Bürokratie und ökologische Fehlentscheidungen hervorbringen. Politische Einparteienherrschaft widersprach dem Anspruch gesellschaftlicher Selbstemanzipation.
Damit verändert sich auch die heutige Eigentumsdebatte. Die Frage darf nicht lediglich lauten, ob ein Unternehmen privat oder staatlich ist. Entscheidend ist zusätzlich, wer Entscheidungen kontrolliert, welche Rechte Beschäftigte und Öffentlichkeit besitzen und wie Macht begrenzt wird. Mehr dazu steht unter Die Eigentumsfrage.
Engels unterschätzte manche Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus
Die kapitalistischen Gesellschaften seiner Zeit waren von extremer sozialer Unsicherheit geprägt. Es war keineswegs selbstverständlich, dass später umfangreiche Sozialstaaten, Tarifverträge, Arbeitsrecht und demokratische Beteiligungsformen entstehen würden. Dass Marx und Engels die Stabilität solcher institutionellen Entwicklungen nicht vollständig vorhersahen, ist deshalb historisch verständlich.
Für heutige Politik bleibt trotzdem eine wichtige Korrektur. Kapitalismus ist kein unveränderliches System, das nur immer schlechter werden kann. Politischer Druck kann Arbeitsbedingungen verbessern, soziale Rechte schaffen und wirtschaftliche Macht begrenzen. Solche Reformen verändern die Gesellschaft real.
Das bedeutet allerdings ebenso wenig, dass strukturelle Konflikte verschwunden wären. Eigentum, Lohnabhängigkeit und Vermögenskonzentration bleiben wichtige Machtfragen. Die sinnvollere Konsequenz lautet daher: Kapitalistische Gesellschaften besitzen erhebliche Anpassungsfähigkeit – und gerade deshalb muss linke Analyse konkreter sein als die Erwartung eines automatischen Zusammenbruchs.
Engels’ Klassenbegriff muss erweitert werden
Die industrielle Arbeiterklasse war für Engels das zentrale politische Subjekt gesellschaftlicher Veränderung. Diese Perspektive entsprach der dynamischen Industrialisierung seiner Zeit. Die moderne Gesellschaft ist jedoch differenzierter. Dienstleistungen, öffentliche Beschäftigung, Wissensarbeit und vielfältige Formen selbstständiger Arbeit haben die Klassenstruktur verändert.
Der Klassenbegriff bleibt nützlich, wenn er nach Eigentum, Arbeit und wirtschaftlicher Abhängigkeit fragt. Er wird problematisch, wenn er gesellschaftliche Gruppen in starre politische Rollen einordnet. Beschäftigte wählen nicht automatisch links, Unternehmer nicht automatisch rechts und Menschen entwickeln politische Interessen nicht allein aus ihrer Stellung im Produktionsprozess.
Mehr dazu steht unter Klassenpolitik heute. Eine moderne Linke braucht Klassenanalyse, aber keine Klassenromantik.
Was bleibt trotz dieser Kritik?
Eine lange Liste von Einwänden bedeutet nicht, dass Engels historisch bedeutungslos geworden wäre. Im Gegenteil: Gerade die Fähigkeit, seine Texte zu kritisieren, macht sichtbar, welche Teile weiterhin produktiv sind. Seine Verbindung von Eigentum und Macht, seine frühe Untersuchung der Arbeiterklasse, sein Interesse an Gewerkschaften und seine Vorstellung, gesellschaftliche Verhältnisse historisch statt naturgegeben zu betrachten, bleiben wichtige Denkangebote.
Ebenso wertvoll ist seine Bereitschaft, politische Strategie zu verändern, wenn sich Bedingungen verändern. Engels war selbst kein unveränderlicher Engels. Seine Einschätzungen entwickelten sich über Jahrzehnte. Eine politische Tradition, die daraus einen festen Katechismus macht, handelt deshalb gerade gegen diesen beweglicheren Teil seines Denkens.
Engels lesen statt Engels verteidigen
Eine linke Bewegung braucht keine Aufgabe, bei jedem problematischen Satz eines historischen Autors eine Entschuldigung zu finden. Engels war kein moralischer Maßstab für das 21. Jahrhundert. Seine Bedeutung hängt nicht davon ab, ob jede private Äußerung sympathisch und jede politische Prognose richtig war.
Wer einen Klassiker nur lesen kann, wenn er vorher von allen Fehlern gereinigt wird, hat aus politischer Theorie eine Heldenverehrung gemacht. Historische Menschen waren widersprüchlich. Gerade deshalb sind sie interessant.
Engels lesen statt Engels abzuschreiben
Die entgegengesetzte Reaktion wäre ebenso oberflächlich. Problematische Äußerungen machen nicht automatisch jede Analyse wertlos. Ein Autor kann sich in einer Frage irren und in einer anderen etwas Wichtiges erkennen. Politische und wissenschaftliche Texte müssen nach ihren Argumenten beurteilt werden.
Kritische Lektüre bedeutet deshalb Auswahl und Prüfung. Was wird durch heutiges Wissen bestätigt oder bleibt analytisch hilfreich? Was muss verändert werden? Was sollte klar zurückgewiesen werden? Eine lebendige politische Tradition kann solche Unterschiede aushalten.
Die Linke sollte aus Engels’ Fehlern eine Methode machen
Vielleicht liegt darin die wichtigste heutige Lehre. Politische Theorie muss korrigierbar sein. Wenn gesellschaftliche Entwicklungen einer Erwartung widersprechen, sollte nicht die Wirklichkeit beschuldigt werden. Wenn neue Forschung alte Aussagen widerlegt, muss die Theorie angepasst werden.
Eine materialistische Linke sollte deshalb besonders misstrauisch gegenüber Dogmen sein. Sie braucht Wissenschaft, Statistik, gesellschaftliche Erfahrung und politische Debatte. Kein Text aus dem 19. Jahrhundert kann diese Arbeit übernehmen.
Historische Bezugstexte
Wer Engels’ Argumente im historischen Wortlaut prüfen möchte, kann den „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in einer digitalen Textausgabe nachlesen. Für seine Auseinandersetzung mit Wissenschaft, Materialismus und gesellschaftlicher Entwicklung bietet sich außerdem der „Anti-Dühring“ an. Die politischen Grundannahmen des gemeinsamen Frühwerks lassen sich im Abschnitt zur „Deutschen Ideologie“ nachvollziehen.
Häufige Fragen zur Kritik an Friedrich Engels
War Friedrich Engels Rassist?
In seinen Briefen und einzelnen politischen Texten finden sich pauschalisierende, ethnisch abwertende und aus heutiger Sicht klar problematische Formulierungen. Eine seriöse Bewertung sollte diese Aussagen weder verschweigen noch ohne Kontext zur gesamten Theorie von Engels erklären. Entscheidend ist, konkrete Texte und Zusammenhänge zu untersuchen.
Gibt es bei Engels antisemitische Aussagen?
In der privaten Korrespondenz finden sich auch antisemitisch konnotierte Beschimpfungen und Stereotype. Sie sind problematisch und sollten so benannt werden. Gleichzeitig muss unterschieden werden zwischen solchen polemischen Äußerungen und einer systematischen antisemitischen politischen Theorie.
Sind Engels’ naturwissenschaftliche Schriften noch gültig?
Nicht als moderner naturwissenschaftlicher Forschungsstand. Viele Erkenntnisse seiner Zeit wurden später erweitert oder widerlegt. Interessant bleiben vor allem seine Fragen nach Veränderung, Wechselwirkungen und dem Verhältnis von Mensch und Natur.
Ist Engels’ Buch über Familie und Privateigentum überholt?
Teile seiner anthropologischen Grundlage sind heute überholt oder zu schematisch. Die Grundidee, dass Familien- und Geschlechterverhältnisse historisch entstanden und deshalb veränderbar sind, bleibt dagegen relevant.
Hat Engels den Marxismus dogmatisiert?
Engels systematisierte viele gemeinsame theoretische Ansätze und machte sie für eine breite sozialistische Bewegung zugänglich. Diese Systematisierung konnte spätere dogmatische Lesarten erleichtern. Daraus folgt jedoch nicht, dass der spätere orthodoxe oder staatssozialistische Marxismus einfach mit Engels gleichgesetzt werden kann.
War Engels für Gewalt und Revolution?
Engels nahm 1849 selbst an bewaffneten revolutionären Kämpfen teil und hielt Gewalt unter bestimmten historischen Bedingungen für möglich. Seine späteren strategischen Einschätzungen wurden jedoch differenzierter und berücksichtigten stärker Wahlen, Massenparteien und veränderte militärische Bedingungen.
Sollte eine heutige Linke Engels überhaupt noch lesen?
Ja, wenn sie ihn als historischen Denker und nicht als Autorität liest. Seine Analysen zu Klasse, Eigentum, Arbeit und Organisation können weiterhin produktiv sein, müssen aber mit heutiger Forschung und den Erfahrungen des 20. und 21. Jahrhunderts geprüft werden.
Was ist die wichtigste Kritik an einer unkritischen Engels-Lektüre?
Dass sie politische Theorie in Dogma verwandelt. Kein historischer Autor kann heutige gesellschaftliche Fragen im Voraus beantwortet haben. Eine lebendige Linke muss eigene Analysen entwickeln und auch ihren wichtigsten Traditionen widersprechen können.
Friedrich Engels bleibt interessant, gerade weil er kein Heiliger war. Seine Texte enthalten große analytische Leistungen, historische Irrtümer, überholte Wissenschaft und problematische Äußerungen. Eine demokratische und materialistische Linke sollte nichts davon verstecken. Sie braucht keine Klassiker, die immer recht hatten, sondern eine Tradition, die Denken ermöglicht. Engels lesen heißt deshalb prüfen, vergleichen, widersprechen und weiterdenken. Die beste Form des Respekts vor einem politischen Denker besteht nicht darin, ihn gegen jede Kritik zu verteidigen – sondern seine Methode ernst genug zu nehmen, um auch ihn an der Wirklichkeit zu messen.